30 Jahre Herbst'89

Nennen wir es Revolution!?

#Aufbruch Ost - Erinnerungen an eine Revolution - Auf ein Neues!

Macht für Niemand

30 Jahre Herbst `89 – nennen wir es Revolution!?
Gemeinsame Bezugnahme für eingreifende Praxen 2019 im Osten, um Solidarität zu stärken

„Für ein offenes Land mit freien Menschen“! Wir wollen weder die Parteidiktatur der SED zurück noch diese kapitalistische BRD.

Auch 30 Jahre nach '89 wollen wir eine andere, solidarische Gesellschaft. Zahlreiche Biographien und Erzählungen sind durch den Anschluss an die BRD verschüttet worden. Doch wir wollen sie hervorholen, ausgraben, wieder entdecken. Als Stimmen der Solidarität, als Mahnung gegen reale Mauern, als Mahnung gegen die Abschottung gegenüber Gedanken und Menschen. Als Bollwerk gegen Rassismus und Faschismus. Für unsere eigene Zukunft. In diesem Sinne: „Für eine offene Welt ohne Grenzen, mit Brücken statt Mauern und mit freien Menschen“

1989 war nicht das Ende der Geschichte: Während es im Osten einen Aufbruch gab, versanken große Teile der Westlinken in Traurigkeit und Resignation. Sie wollten nicht wahrhaben, dass die Massendemonstrationen in der DDR die Kräfteverhältnisse veränderten und z.B. unmittelbar erreichten, dass auch in der DDR die bürgerlichen Freiheitsrechte eingeführt wurden.

Der kurze Herbst der Utopie war eine Zeit, in der sich Tausende in basisdemokratischen Gruppen organisierten und mit ihren Aktivitäten in Schulen, Verbänden, in Betrieben, der Armee die herrschenden Strukturen in Frage stellten, teilweise durch eigene ersetzten und damit die Macht der SED und der Stasi brachen.

Sie entwarfen dabei auch Vorstellungen einer emanzipatorischen, solidarischen Gesellschaft und gingen damit über ein bürgerliches Demokratieverständnis hinaus. Frauen machten mobil und forderten, dass die Grundlage für eine solche Gesellschaft die Gleichstellung der Geschlechter sein müsse. Viele visionierten eine Gesellschaft, in der die Menschen ihre Angelegenheiten gemeinsam diskutieren und die Geschicke selbst in die Hand nehmen. Dafür wurden auch Räte, Initiativen für Basisgewerkschaften und Bürgerkomitees gegründet. Das schwarze Brett wurde zum Debattenblog. Solidarische Komitees hätten mit allen Mitteln den rassistischen Ausschluss der Vertragsarbeiter*innen verhindern müssen und die Entstehung des NSU. Spannung lag in der Luft und für einige Zeit, für ein paar Monate, war alles möglich. Der Osten war für kurze Zeit das freieste Land der Welt mit dem modernsten Verfassungsentwurf und einer Sozialcharta.

Dieser begonnene Lern- und Entscheidungsprozess wurde durch die vorgezogenen Wahlen und in deren Folge den schnellen Anschluss an den Westen abgebrochen. Das herrschende Narrativ aber leugnet seit 30 Jahren, wie umfassend die Visionen vieler Menschen in der DDR waren und dass diese auf Solidarität und Emanzipation gründeten.

Auch 30 Jahre danach kommt Mensch ins Grübeln, wie alles hätte sein können.

30 Jahre danach stellen wir uns die Frage, was wir aus der Entwicklung von damals für heute lernen können. Denn das Entwerfen von Visionen für die Zukunft, braucht den Blick in die Vergangenheit. All die Erfahrungen und Emotionen sind wichtig für Kommendes. Denn eins ist klar: wir wollen weder die Parteidiktatur der SED zurück, noch die kapitalistische BRD. Wir glauben weder an die Verheißungen eines verlogenen Nominalsozialismus noch an die Versprechungen der sozialen Marktwirtschaft und des westlichen Konsums, der das Genießen tötet und unsere Umwelt zerstört. Wir wollen in einer solidarischen, emanzipatorischen Welt leben. Wir müssen reden und zuhören!

30 Jahre Herbst `89 – nennen wir es Revolution!?
Gemeinsame Bezugnahme für eingreifende Praxen 2019 im Osten, um Solidarität zu stärken

Veranstaltungen

Workshop-Tag

Samstag, 03.11.2018 um 10:00 Uhr, Robert-Havemann-Saal
Veranstaltungsbild

Das 41. Jahr der DDR beeinflusste uns: die Erfahrung von der Endlichkeit gesellschaftlicher Systeme, der kurzen, aber intensiven Öffnung von Alternativen als auch die Erfahrung des Scheiterns. Der Herbst ’89 war ein Zusammenkommen von verschiedenen Menschen mit einer Vielzahl linker, emanzipatorischer Ideen und Projekte. Sei es spontan selbstorganisierend oder in bereits tätigen oppositionellen Zusammenhängen: ob in Umweltbibliotheken, Umweltbewegung, unabhängigem Frauenverband, als Feministinnen, “Kirche von unten”, in Friedenskreisen, als Kunst- und Literaturengagierte, im Neuen Forum, in der "Initiative für eine Vereinigte Linke”, als Antifa-Bewegte, Hausbesetzer*innen und viele, viele mehr.

Dieser gesellschaftliche Umbruchsmoment prägte uns. Uns, Linke aus dem Osten ganz unterschiedlicher Generationen. Um die Gegenwart zu begreifen, wollen wir die rebellische Geschichte des Ostens befragen: Was können wir für heute und für die Zukunft lernen? Welche Bedingungen gab es? Welche Aktionsformen wurden gewählt? Und wie wurde mit dem Scheitern von linken Alternativen zum Realexistierenden Sozialismus und Kapitalismus umgegangen? Denn der Umbruch erzeugte auch tiefe Konflikte und rassistische und neonazistische Übergriffe in den 90er Jahren.

In Vorausschau auf “30 Jahre Herbst ’89” im kommenden Jahr, wollen wir Dich am 03. November 2018 zu einem Tagesworkshop einladen. Wir wollen uns die Fragen stellen: An welche Ideen wollen wir anschließen? War es eine “Revolution” und wie lange? Wann endete sie? Was können wir für die Zukunft von diesem Umbruch lernen?

Beginnen wollen wir mit einem Blick zurück, ohne in der Vergangenheit kleben zu bleiben. Wir wollen uns über gemeinsame Anliegen und inhaltliche Ausgangspunkte für mögliche öffentliche Aktionen im nächsten Jahr verständigen. Bringt Eure Ideen mit.

Programm

10 Uhr “Wo warst du im Herbst ’89?”

11 Uhr Panels

(I)Der Blick von unten auf `89er Versuche basisdemokratischer Selbstorganisation

(II)Linksradikale Organisierung zwischen Selbstverwirklichung und Systemfrage

(III)Aufbruch oder Niederlage: Sichtweisen auf 89ff aus Ost und West

(IV) Weibliche Gegenmacht 89/90 – Allein gegen alle?

(V)Repression, Gegenöffentlichkeit & Zensur

(VI)DDR-Opposition, Mehrheitsgesellschaft und Hegemoniewechsel

13 Uhr “Was soll 2019 erzählt werden?”

14 Uhr Pause

15 Uhr Anliegen für 2019 erarbeiten

17 Uhr Konkrete Verabredungen & Arbeitsüberlegungen

19 Uhr Ende


Es wird um Anmeldung unter 30jahreherbst89@systemli.org gebeten.

Es wird auch eine Kinderbetreuung geben, wenn ihr dafür Bedarf habt. Schreibt dies bitte in die Anmeldung mit hinein.


Workshop-Themen

(I)Der Blick von unten auf `89er Versuche basisdemokratischer Selbstorganisation

“Der Blick ist in diesem Panel auf die Vorgänge in der Mehrheitsgesellschaft gerichtet, in der sich seit dem Sommer 1989 erster Widerstand gegen das Regime regte, der im Herbst über Massendemonstrationen in zahlreichen basisdemokratischen Gruppen und Initiativen mündete. Obwohl das Ausmaß dieser Bewegung das der oppositionellen Gruppen um das Tausendfache überstieg und diese "Massen" der entscheidende Akteur der Revolution wurden, kommen sie in der Einnerung namentlich radikaler Linker kaum vor. Im Mittelpunkt dieses Panel geht es nicht um die Erwartung und Binnenkonflikte der organisierten »dissidenten Gruppen« in der späten DDR, sondern um diese freigesetzten Prozesse der kollektiven und gesellschaftlichen Selbstorganisation, die zum Teil einfach in dem Maße im Nahraum der Alltagswelt notwendig wurden, um das Herrschafts- und Machtsystem der SED zu stürzen. Anderseits ging es immer auch um mehr: Um eine Gesellschaft jenseits der »gesellschaftlichen Gängelung« durch die Nomenklatur der Apparate der herrschenden Staatspartei zu begründen. Dieser Übergang “von der politischen Passivität zu einer gewissen Aktivität“ einer kritischen Masse der Bevölkerung überholte den relativ überschaubaren Kreis der politisch organisierten Dissidenz. Exemplarisch betrachtet werden sollen die vielen, kleinen und lebensweltlichen Umbruchsdynamiken “in ihrer unorganischen Komplexität“ quer und neben den später so bezeichneten »Bürgerbewegungen« im engeren Sinne.

  • In einem ersten Schritt soll sich an die damalige Situation, Voraussetzungen und erlebte Phasenverläufe angenähert werden. Wo wurde in der Republik demonstriert, gestreikt oder protestieret? Wer waren die Akteure? Und was forderten sie? Wie muss mensch diesen Lernprozess in den hunderten von Initiativen und Aktionen, der nach 40 Jahren stillgelegter Zivilgesellschaft begann, beschreiben?
  • Beispielhaft werden solche Vorgänge an den Gründungen von Basisgruppe und an der gewerkschaftlichen Basis, die Versuche von Soldatenräten in der NVA, Hausbesetzungen und kollektive Wohnprojekte oder die Rolle von bündelnden stadtteilpolitischen Projekten (Wir bleiben alle!) betrachtet werden, auf die sich die radikale Linke zum Teil noch heute bezieht.
  • Diese subjektiven Erfahrungen mit Momenten der gesellschaftlichen Selbstorganisation waren nicht folgenlos. Aber die Erinnerung der »revolutionären Demokratie der Straße und Betriebe« muss sich heute sowohl gegen die Erzählungen der vermeintlichen Alternativlosigkeit einer »nachholenden Parteiendemokratie des liberalen Palarmentarismus«, wie gegen die nationalistische Vereinnahmung der radikalen, Rechtsautoritären behaupten.

(II)Linksradikale Organisierung zwischen Selbstverwirklichung und Systemfrage

Autonome, antifaschistische, linksradikale, anarchistische Gruppen und Initiativen gab es auch in der DDR. Sie haben nicht nur gegen Neonazis protestiert, sondern ebenso gegen den autoritären SED-Staat. Erst 2017 wurde die Geschichte ostdeutscher Antifa-Gruppen vor und nach der Wende durch den Sammelband „30 Jahre Antifa in Ostdeutschland“ und einer gleichlautenden Tagung wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglicher gemacht.

Doch das Wirken vieler dieser Gruppen in der „Wendezeit“ ist weithin unbekannt. Wenn wir auf „30 Jahre Herbst 1989“ zurückblicken, stellt sich folglich die Frage, wer die Linksradikalen von damals eigentlich waren und was wie bewegte? Allein diese kleine politische „Landschaft“ war vielseitig geprägt, sei es durch die Autonome Antifa, FAU-DDR, Kirche von Unten, HausbesetzerInnen, 13.Autonome Gruppe oder durch den „Revolutionären Autonomen Jugendverband“.

Deren damaligen Diskussionen um die gesellschaftliche, politische und ökonomische Zukunft lassen sich als Richtungssuche zwischen Selbstverwirklichung der persönlichen Lebenswelt – des eigenen „kleinen Nachttischs“ – und Systemfrage in der ausgehenden DDR beleuchten. Die linksradikale Gruppen setzten vor allem auf autonome und lebensweltliche Gestaltung und lehnten sowohl Parteien als auch größere Organisationstrukturen, wie die neu entstandene Initiative für eine Vereinigte Linke(IVL), ab. Aber wie genau sahen ihre Utopien, Handlungsweisen und Konflikte aus und was können wir daraus für die Gegenwart lernen?

Wir wollen in diesem Panel gemeinsam auf die Suche nach den Standpunkten und Praxen der linksradikalen Gruppen von damals gehen und diskutieren, welche Bedeutung dies 30 Jahre später für unser eigenes und kollektives gesellschaftspolitisches Engagement hat. Dabei sollen die folgenden, „epochenübergreifenden“ Leitfragen Orientierung geben:

  • Warum setzten die linksradikalen Gruppen stärker auf Autonomie, anstatt Teil größere Organisationsstrukturen zu sein?
  • Was hat sich in der Zusammenarbeit mit Großorganisationen und Parteien zu damals verändert?
  • Welche politischen Utopien gab es, und was ist mit diesen nach der „Wende“ passiert?
  • Spielen diese Utopien heute noch eine Rolle und welche neuen Utopien sind entstanden?
  • Warum wird die Systemfrage von großen Teilen der radikalen Linken heute kaum noch gestellt?
  • Sollte wir uns aufgrund des gegenwärtigen Rechtsrucks wieder stärker der Systemfrage widmen und wenn ja, wie kann das praktisch geschehen?

(III)Aufbruch oder Niederlage: Sichtweisen auf 89ff aus Ost und West

Die 89ff eröffneten im Osten für viele und an vielen Orten Freiräume, die auch von Linken genutzt wurden. Überall in der EX-DDR entstanden unabhängige Initiativen, wurden alternative Jugendzentren eröffnet, Häuser besetzt. Trotz ökonomischer Kolonisierung, Massenarbeitslosigkeit und Nazi-Terror waren die 89 ff auch die Jahre der Selbstermächtigung und Selbstorganisierung. In Westdeutschland dagegen steht 89 vor allem als Synonym für Konterrevolution, nationalistischer Zurichtung und einer Niederlage der Linken.

In dem Workshop wollen wir die Diskussionen aus den Jahren 89ff in Erinnerung rufen und der Frage nachgehen, inwieweit diese unterschiedlichen Sichtweisen die heutige Auseinandersetzung mit der Spezifik Ostdeutschlands prägen und einer gemeinsamen Analyse der aktuellen Entwicklung im Wege stehen.


(IV)Weibliche Gegenmacht 89/90 – Allein gegen alle?

Bereits zu Beginn der 80er Jahre hatten sich Frauengruppen in der DDR gegründet, weil Frauen nicht mehr einverstanden waren: mit der Umsetzung der proklamierten Gleichberechtigung, mit der Ausweitung der Wehrpflicht bei Mobilmachung auch auf Frauen und der allgemeinen „Friedens“erziehung in Kindergarten und Schule. Sie wollten verstehen, was geschieht und gemeinsam dagegen etwas unternehmen. Der parteinahe DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) entsprach mit seiner Politik nicht ihren Vorstellungen und so trafen sich im Dezember 1989 Frauen aus der ganzen DDR in der Berliner Volksbühne, um über die Gründung eines eigenen Bundes zu diskutieren.

Vor der Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes jedoch unternahmen einige Frauen den Versuch, ihre politischen Vorstellungen, die sich vor allem um die Gleichstellung der Geschlechter drehten, auch in den neugegründeten Bürgerbewegungen des Herbstes 89 zu verankern.

Wir wollen im Panel verschiedenen Fragen nachgehen, die sich im Wesentlichen mit der Auseinandersetzung mit der Emanzipation der Geschlechter in den Reihen der linken, alternativen Bewegung(en) beschäftigen. Dabei sind folgende Themen vorgeschlagen, die sich von unterschiedlichen Seiten und zu verschiedenen Zeiten aus, diesen Fragen nähern wollen:

  • „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen“ - Die Rolle des UFV 89/90
  • „Hauptwiderspruch versus Nebenwiderspruch“ – Die Kontroverse zur Geschlechterfrage in der Linken
  • „Ich bin Traktorist“ – Warum Feministinnen Ost und West 89 nicht zusammen kommen konnten
  • Und heute? – Zu bestehenden Hierarchien in der Gesellschaft mit besonderem Augenmerk auf oppositionelle linke Gruppen

Wir sind frei, diese Themen zu erweitern oder zu ändern.


(V)Repression, Gegenöffentlichkeit & Zensur

Eingangsfragen:

Was war die besondere Gestalt der Herrschaftstechniken einerseits bürgerlicher und andererseits politbürokratischer Systeme bei der Kontrolle von Öffentlichkeit?

  • Repression und Integration
  • Rechtssetzung und repressive Toleranz

Was war die besondere Gestalt der jeweiligen Gegenöffentlichkeiten in beiden Systemen und ihre subversive Kapazität?

  • Der Fall BRD und DDR
  • Zensur in der BRD und Monopolisierung von Öffentlichkeit in der DDR(„Normalzustände“)
  • Akteure

Welche Funktion hatten die Medien während der demokratischen Herbstrevolution in der DDR: Das Verhältnis von Öffentlichkeit und Gesellschaft im revolutionären Umbruch („Der kurze Herbst der Utopie“).

  • Piloterfahrung CSSR 1968
  • Genesis von Gegenöffentlichkeiten in der DDR

Wandel von Medien und Öffentlichkeit im digitalen Social Media Zeitalter

  • Ist ein bürgerlicher Staat wie die BRD heute noch in der Lage seine offizielle Erzählung und Deutung durchzusetzen?
  • Erosion des Systems „20:15 Tageschau erklärt wie die Welt funktioniert“
  • Welche Chancen für linke Gegenöfflichtkeit liegen hier?
  • Welche Gefahren? Siehe Pegida und Co

Schlussfolgerungen:

Gibt es einen politischen Ertrag der Erfahrungen aus dem langen Herbst ´89 in der DDR?


(VI)DDR-Opposition, Mehrheitsgesellschaft und Hegemoniewechsel. Eine Phasenanalyse von emanzipatorischem Aufbruch und deutschnationaler Gegenrevolution

Die heute herrschende Erzählung von der „friedlichen Revolution“ in der DDR geht von einer vorherbestimmten Geschichte aus, bei der der demokratische Aufbruch vom Herbst 1989 gleichsam automatisch im Anschluss der DDR an die Bundesrepublik enden musste. Was die Vertreter*innen der Herrschenden bejubeln, wird zumeist auch von linken Kritiker*innen der „deutschen Einheit vom 3. Oktober 1990 nicht hinterfragt: die Behauptung von der bruchlosen Kontinuität zwischen dem Kampf gegen die Partei-Diktatur der SED und dem Anschluss an Staat und Gesellschaft der BRD. Die „Wende in der Wende“, die tiefen Brüche zwischen dem emanzipatorischen Aufbruch für eine „reformierte DDR“ und dem Anschluss an die BRD sind vergessen oder werden verdrängt.

Im Panel 6 wollen wir in einem revolutionsgeschichtlichen orientierten Diskurs die Etappen und Brüche sowie den Hegemoniewechsel zwischen dem emanzipatorischen und basisdemokratischen Aufbruch im Herbst 1989 und dem Sieg der deutschnationalen Gegenrevolution analysieren, die sich dann im Anschluss an die BRD verwirklichte. Dabei soll der sich verändernde Erwartungs- und Handlungshorizont von Opposition, „arbeiterlicher“ Mehrheitsgesellschaft, Nomenklatura und westdeutscher Politik genauer betrachtet werden, um den Hegemoniewechsel von basisdemokratischer Emanzipation zur Haltung „keine Experimente“ verstehen zu können.

Besonders vier Aspekte sollen in diesem Panel diskutiert und an Hand von Originaldokumenten zusammengetragen werden:

  • I. Welche Kenzeichen prägten die Krise der DDR und was bedeuteten Emanzipation und Revolution im Herbst 1989 für Opposition wie für Mehrheitsgesellschaft?
  • II. Welchen sozialen Charakter hatte die DDR-Opposition, wie ausdifferenziert war sie politisch und welche Bedeutung hatte sie für den emanzipatorischen Aufbruch der Mehrheitsgesellschaft?
  • III. Wie bildeten sich die Phasen des Umbruchs zwischen Sommer 1989 und Volkskammerwahl am 18. März 1990 in der Meinungsforschung ab?
  • IV. Welche Gründe lassen sich für die "Wende in der Wende" ausmachen?

Auftaktdebatte

Freitag, 02.11.2018 um 19:00 Uhr, Robert-Havemann-Saal
Veranstaltungsbild

Auftakt-Podiumsdebatte am 02. November 2018 um 19 Uhr mit einem Frauenpodium zum Thema: „Nennen wir es Revolution: 30 Jahre danach“

& Workshop-Tag am 03. November 2018 ab 10 Uhr

1989 war ein Umbruchmoment, der offenbarte, dass politische Systeme nicht in Stein gemeißelt sind. Frauenkämpfe, Demonstrationen, Hausbesetzungen, Betriebskämpfe, Künstlerisches Aufbegehren kennzeichnen diesen Moment, die sich heute in keinem Geschichtsbuch finden lassen. Es war die Zeit zahlreicher radikaldemokratischer Alternativen zu autoritärem Staatssozialismus oder kapitalistischer, westdeutscher Einheit. Für alle Menschen im Osten hinterließ dies tiefgreifende Veränderungen im Persönlichen, sowie in allen gesellschaftlichen Bereichen. Um uns einer linken Geschichtsschreibung zu ermächtigen werfen wir zum Einstieg des Workshops einen Blick auf die Biografien von drei Frauen.

Einzelne Biografien bilden nicht die gesamte Geschichte ab - jedoch ist es Zeit die zahlreichen Geschichten aus dem Osten zu erzählen und zu hören, um ein linkes ostdeutsches Selbstbewusstsein zu stärken. Die Podiumsdiskussion und der Workshoptag sollen einen Auftakt geben, um für das kommende Jahr Initiativen zu ergreifen und die Erzählung von 1989 nicht dem Mainstream und erst Recht nicht den rechten Kräften zu überlassen.

Podiumsteilnehmerinnen

Renate Hürtgen Historikerin, Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte - 1989 mit anderen DDR-Oppositionellen Initiatorin einer gewerkschaftlichen Basisbewegung (IUG),

Judith Braband, Stiftung Haus der Demokratie und Menschnerechte - 1989 Künstlerin, Mitglied der Initiative Vereinigte Linke und des Unabhängigen Frauenverbandes, Vertreterin der IVl am Zentralen und Berliner Runden Tisch

Elske Rosenfeld, Künstlerin und Autorin - 1989 Schülerin/ Demonstrantin

Moderation: Anna Stiede

2. Überregionaler Workshop-Tag

Sonntag, 27.01.2019 um 10:00 Uhr, Robert-Havemann-Saal
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„Für ein offenes Land mit freien Menschen“ - Was einst eine Losung des rebellischen Herbstes aus Leipzig war, gilt heute mehr noch als damals und zwar als „Für eine offene Welt, ohne Grenzen, mit Brücken statt Mauern und mit freien Menschen“.

In diesem Sinne kommen wir wieder zusammen, wenn 2019 beginnt und nehmen die Fäden unseres ersten Workshoptages im November 2018 wieder auf, um uns überregional zu versammeln. Wir laden euch Freund*innen des Ostens erneut ein, um unsere konkreten Ideen für 2019 zu bündeln und uns an die Arbeit zu machen.

Willkommen sind auch jene, die beim ersten Mal nicht dabei waren. Wir weisen jedoch darauf hin, dass wir mit <<30 Jahre Herbst 89 – Nennen wir es Revolution!?>> bereits in einem Prozess sind und nun in einer Fortsetzung an die erarbeiteten gemeinsamen Grundlagen, Verständigungen und Ideensammlungen anschließen werden.

Wollen wir eine gemeinsame Klammer oder Slogan? Dann müssen wir klären was unsere gemeinsame Gegenerzählung, die auf die Gegenwart zielt ist und was wir gemeinsam wollen. Vielleicht fällt uns auch noch ein anderer Slogan ein als AufbruchOst? Überlegt doch mal und bringt Ideen mit! Bringt außerdem noch Ideen für Aktionsformen, Kampagne, Bildungsoffensive, Demonstrationen, Öffentlichkeitskampagnen aus euren Städten für 2019 mit.


Programm

  • 10.00h – 16.00h (Kernzeit) + 16.00h – 18.00h variable Arbeitszeiten für potenzielle Projektgruppena
  • Ankommen und Einstieg
  • Was ist unsere Gegenerzählung und was heißt UNS und WIR?
  • Unsere Ideen:
  • Was tun?
  • Was nicht tun?
  • Planungen und Verabredungen 2019
  • Arbeitsgruppen
  • Abschluss

Bitte meldet euch zur Planung der Essens- und Getränkeplanung an. Wir werden eine professionelle Kinderbetreuung bereitstellen, bringt also gern eure Kinder mit und meldet eure Bedarfe bitte per Mail an. Toll wäre dafür auch zu wissen wie alt eure Kinder sind, damit sich die Betreuer*innen darauf einstellen können. (Erste Kinderanmeldungen sind mit 4 und 7 Jahre jung bekannt.)

Anmeldung bitte an: 30jahreherbst89@systemli.org